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Dresden |13.02.10| Keine Versöhnung mit Deutschland!

Text?

Das Dres­den-Ge­den­ken scheint wich­tig, so wich­tig, dass die neue säch­si­sche Staats­re­gie­rung ei­gens für den be­vor­ste­hen­den 65. Jah­res­tag das Ver­samm­lungs­recht noch schnell er­heb­lich ein­schrän­ken will. Schließ­lich rui­nie­ren „Ex­tre­mis­ten“ schon seit Jah­ren die Ge­denk­stim­mung rund um den 13. Fe­bru­ar und ge­fähr­den Si­cher­heit, Ruhe und Ord­nung. Un­ter­des­sen ver­sucht eine Hand­voll Dres­dner Kul­tur- und Kir­chen­pro­mi­nenz ein wei­te­res Denk­mal zur Er­in­ne­rung an die Bom­bar­die­rung und das Wie­der­er­ste­hen der Stadt zu er­strei­ten. Zwar wurde erst 2009 eine neue Er­in­ne­rungs­stel­le in der Alt­stadt ein­ge­weiht, aber Mahn­ma­le für Dres­den kann es in Dres­den nicht genug geben. Mit kaum ver­hoh­le­ner re­van­chis­ti­scher Rhe­to­rik wird das Denk­mal in der Säch­si­schen Zei­tung be­wor­ben; es zeigt einen „ge­stürz­te[n] Mensch[en], der sich auf­bäumt, ein Ge­fal­le­ner, der aus ei­ge­ner Kraft auf­er­steht. So wie die Dres­dner, so wie ihre Stadt.“ Die Ober­bür­ger­meis­te­rin be­müht sich der­weil, eine dem Jah­res­tag an­ge­mes­se­ne Ge­den­k­at­mo­sphä­re zu schaf­fen – laute Musik oder De­mons­tra­tio­nen sind dabei sehr hin­der­lich, denn das er­wünsch­te Ge­den­ken soll als un­po­li­ti­scher und damit un­hin­ter­frag­ba­rer Akt wahr­ge­nom­men wer­den. Mit Hilfe einer Men­schen­ket­te um die his­to­ri­sche Alt­stadt soll ein „Zei­chen gegen Ex­tre­mis­mus“ ge­setzt und gleich­zei­tig der Zer­stö­rung der Stadt ge­dacht wer­den. Busi­ness as usual in Dres­den.

Wenn von „Ex­tre­mis­ten“ die Rede ist, sind vor allem die­je­ni­gen ge­meint, die Kri­tik am Ge­den­ken äu­ßern, deut­schen Op­fer­my­then wi­der­spre­chen oder gegen den Auf­marsch tau­sen­der Nazis mehr als nur sym­bo­lisch und nicht zur Ver­tei­di­gung des „wahr­haf­ten Ge­den­kens“ pro­tes­tie­ren. We­ni­ger ge­meint sind die Nazis. Ihnen soll durch das Ge­setz ein Auf­marsch durch die his­to­ri­sche Dres­dner Alt­stadt ver­bo­ten wer­den, also etwas, wor­auf sie be­reits 2009 ver­zich­te­ten. Ihnen wird auch wei­ter­hin mit der Flos­kel be­geg­net, sie wür­den das Ge­den­ken „miss­brau­chen“. Über­gan­gen wird dabei ge­flis­sent­lich, dass die Nazis sich in ihrer Grund­aus­sa­ge nicht vom bür­ger­li­chen Ge­den­ken un­ter­schei­den – sie er­in­nern ge­nau­so an ver­meint­lich un­schul­di­ge deut­sche Opfer.

Für eine eman­zi­pa­to­ri­sche Linke be­deu­tet das viel Ar­beit. Es heißt vor Ort zu sein und die un­be­que­men Fra­gen zu the­ma­ti­sie­ren. Es heißt deut­lich zu ma­chen, dass allen For­men des Ge­den­kens eben die­ser ge­mein­sa­me ge­schichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Kern in­ne­wohnt.

Die My­then um Dres­den

Dres­den gilt als „Sinn­bild der Zer­stö­rung und der zi­vi­len Kriegs­op­fer“ weil sich seine Zer­stö­rung „von den Zer­stö­run­gen an­de­rer deut­scher Städ­te deut­lich un­ter­schied“ und „nur kurze Zeit vor Kriegs­en­de, als be­son­ders viele Flücht­lin­ge in der Stadt waren, was die Zahl und das Ge­wicht der mensch­li­chen Opfer wei­ter er­höh­te“ statt­fand, heißt es im ein­gangs an­ge­führ­ten Ge­setz­ent­wurf der säch­si­schen Staats­re­gie­rung. Doch wie ent­stand diese Viel­zahl von My­then, denn um nichts an­de­res han­delt es sich hier­bei? Sie gehen auf eine NS-Pro­pa­gan­da­kam­pa­gne zu­rück, die ei­ner­seits dar­auf ziel­te, den Volks­sturm im In­land zu stär­ken, und an­de­rer­seits die Al­li­ier­ten im Aus­land zu dis­kre­di­tie­ren. Zur Dra­ma­ti­sie­rung wur­den ein­fach die To­ten­zah­len, die bei höchs­tens 25 000 lagen, ver­zehn­facht. Auch die Tief­flie­ger ent­spran­gen schlicht der Phan­ta­sie der NS-Pro­pa­gan­da. Eben­so ist es mit der un­schul­di­gen Kunst- und Kul­tur­stadt nicht weit her. Dres­den war die zweit­größ­te Gar­ni­sons­stadt und wich­ti­ger Stand­ort der Rüs­tungs­pro­duk­ti­on des Drit­ten Rei­ches. Zudem leis­te­ten die Dres­dner_in­nen glei­cher­ma­ßen wie der Rest der deut­schen Be­völ­ke­rung ihren Bei­trag zur Um­set­zung und Ver­tei­di­gung der Volks­ge­mein­schaft, in dem sie sich aktiv oder zu­min­dest pas­siv be­tei­lig­ten. Bis zu­letzt wur­den Jü­din­nen und Juden ver­folgt. Noch wäh­rend und kurz nach der Bom­bar­die­rung Dres­dens wur­den ehe­ma­li­ge KZ-In­sas­sen auf To­des­mär­schen durch Dres­den ge­trie­ben. Die My­then um Dres­den spie­len nach wie vor keine un­er­heb­li­che Rolle im Ge­den­ken zum 13. Fe­bru­ar. So ver­öf­fent­lich­te die säch­si­sche Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung un­längst ein Buch, in dem ver­schie­de­ne Zeit­zeu­g_in­nen in un­kom­men­tier­ter Form jene My­then zum Bes­ten geben und fort­schrei­ben.

Gleich­zei­tig ist im of­fi­zi­el­len Ge­den­ken seit ei­ni­ger Zeit eine Ver­än­de­rung wahr­zu­neh­men. In den Reden, die am 13. Fe­bru­ar 2009 ge­hal­ten wur­den, sind in­halt­li­che Ver­schie­bun­gen aus­zu­ma­chen. Es fin­det eine ge­schicht­li­che Ein­ord­nung der Er­eig­nis­se am 13. und 14. Fe­bru­ar 1945 statt; an Stel­le der be­kann­ten Dres­den­my­then wer­den wis­sen­schaft­li­che Fak­ten be­nannt. Statt Ver­drän­gung und Leug­nung fin­det sich die Be­to­nung, dass die Bom­bar­die­rung Dres­dens als Folge der „na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­herr­schaft“ zu sehen sei. So for­mu­liert die Dres­dner Ober­bür­ger­meis­te­rin Orosz: „Wie Dres­den muss­ten tau­sen­de an­de­re Men­schen­or­te in Schutt und Asche sin­ken, ehe denen, die die­sen Krieg an­ge­zet­telt hat­ten, der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­cher-Cli­que, Ein­halt ge­bo­ten war.“

Die aus­ge­mach­te „Ver­sach­li­chung“ und Be­nen­nung ge­schicht­li­cher Zu­sam­men­hän­ge gibt je­doch kei­ner­lei An­lass, von der Kri­tik am jähr­lich in Dres­den ze­le­brier­ten Ge­den­ken ab­zu­rü­cken. Im Ge­gen­teil.

Op­fer­my­thos 2.0

Dass es mög­lich ist, jenen Deut­schen zu ge­den­ken, wel­che selbst zum Groß­teil die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gie teil­ten und in­vol­viert waren in das mör­de­ri­sche Sys­tem, gleich­zei­tig aber die Ab­leh­nung des NS und die ge­lun­ge­ne Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit zu pro­pa­gie­ren, ohne dabei in Kon­flikt zu ge­ra­ten, liegt in der Art und Weise der Be­trach­tung des NS und der Be­schrei­bung des „Kon­tex­tes“. Ein Bei­spiel: In den immer glei­chen hoh­len Phra­sen wird be­tont, dass jener Krieg, der 1939 von Deutsch­land aus­ging, im Fe­bru­ar 1945 zu­rück­ge­schla­gen habe.

Von wem ging der Krieg aus?

Wahl­wei­se von der „na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­cher-Cli­que“, von „Hit­ler und sei­nen Hel­fern“ oder aber ganz abs­trakt von „den Nazis“. Los­ge­löst von die­sen Schul­di­gen, wird eine un­schul­di­ge, un­be­tei­lig­te deut­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung kon­stru­iert, die so nie exis­tier­te. Der NS war in sei­ner Sys­te­ma­tik, sei­ner Ideo­lo­gie und sei­nen Ver­bre­chen auf die ak­ti­ve oder zu­min­dest pas­si­ve Be­tei­li­gung der „ganz nor­ma­len Deut­schen“ an­ge­wie­sen. Es ist die gern über­gan­ge­ne his­to­ri­sche Tat­sa­che, dass der Groß­teil der Deut­schen die Ideo­lo­gie von Volks­ge­mein­schaft und Her­ren­ras­se, vom un­ter­drück­ten deut­schen Volk und vom not­wen­di­gen Krieg teil­te und das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pro­jekt un­ter­stütz­te. Die­ses fand nicht heim­lich statt, ge­steu­ert von „ein paar Fa­na­ti­kern“, son­dern war in Zei­tun­gen nach­zu­le­sen, auf der Stra­ße und in der Wo­chen­schau zu sehen und be­reits in Kin­der­lie­dern zu hören. Wenn nun aber die „ganz nor­ma­le deut­sche Be­völ­ke­rung“ von jeg­li­cher Be­tei­li­gung am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus frei­ge­spro­chen wird, er­scheint diese im Dres­den-Ge­den­ken per­fi­der­wei­se als „Opfer des NS“ und nicht als we­sent­li­cher Ga­rant für des­sen Ge­lin­gen. Diese be­haup­te­ten „nor­ma­len“ Deut­schen hät­ten selbst unter der „Hit­ler­ty­ran­nei“, wel­che die Bom­bar­die­rung ver­ur­sacht hat, ge­lit­ten. Dres­den habe mit sei­ner Zer­stö­rung für die Ver­bre­chen „der Nazis“ büßen müs­sen und sei nun auf­grund der ei­ge­nen Lei­der­fah­rung ge­läu­tert. So kann sich Dres­den auch zum 65. Jah­res­tag der Bom­bar­die­rung ein­mal mehr als das dar­stel­len, was es so gern sein möch­te – das Sym­bol für Frie­den und Ver­söh­nung.

Der Krieg schlug zu­rück?

Die Bom­bar­die­rung Dres­dens war kein Zu­rück­schla­gen des von den Deut­schen ge­führ­ten Ver­nich­tungs­kriegs, son­dern ein mi­li­tä­ri­sches Mit­tel zur Nie­der­schla­gung der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bar­ba­rei und be­deu­te­te für deren Opfer ein Schritt in Rich­tung Be­frei­ung. Nur indem mensch­li­ches Leid in einer un­po­li­ti­schen und nur noch mo­ra­li­schen Sicht per se zum ein­zi­gen Aus­gangs­punkt in der Be­trach­tung des 2. Welt­kriegs wird, ist die Rede vom zu­rück­schla­gen­den Krieg mög­lich. Eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Schuld und Tä­ter­schaft, ja über­haupt mit His­to­rie, wird dabei um­gan­gen. Hier macht der Krieg alle glei­cher­ma­ßen zu Tä­ter_in­nen und Op­fern und ein­zig Leid wird zum uni­ver­sel­len Maß­stab. Diese in­dif­fe­ren­te Be­trach­tungs­wei­se er­mög­licht und le­gi­ti­miert das Ge­den­ken an die ver­meint­li­chen deut­schen Opfer, weil sie die Frage nach der Spe­zi­fik deut­scher Ver­bre­chen und nach den Vor­aus­set­zun­gen für deren Durch­füh­rung nicht stellt. Dass die Deut­schen einen Ver­nich­tungs­krieg in Ost­eu­ro­pa führ­ten, in dem sie be­wusst ganze Land­stri­che ver­wüs­te­ten und die Be­völ­ke­rung aus­lösch­ten, um ihren Plan der Ge­win­nung neuen „Le­bens­raums“ für die deut­sche Volks­ge­mein­schaft zu ver­wirk­li­chen, dass die Deut­schen sys­te­ma­tisch Mil­lio­nen Jü­din­nen und Juden in ganz Eu­ro­pa zu­sam­men­trie­ben, de­por­tier­ten und in Ver­nich­tungs­la­gern tö­te­ten, dass dem deut­schen Ras­sen­wahn Sinti und Roma, Ho­mo­se­xu­el­le, Be­hin­der­te zum Opfer fie­len – all das ver­schwin­det in der Rede vom „zu­rück­schla­gen­den Krieg“. In ihr wer­den Ver­all­ge­mei­ne­rung und Mo­ra­li­sie­rung be­trie­ben, wel­che schluss­end­lich nur der Ver­harm­lo­sung und Re­la­ti­vie­rung Deut­scher Schuld die­nen.

Mit einer sol­chen Be­nen­nung der „Vor­ge­schich­te“ der Bom­bar­die­rung wird eine In­ter­pre­ta­ti­on der Er­eig­nis­se an­ge­bo­ten, die es er­mög­licht, einen deut­schen Op­fer­my­thos ins mo­der­ni­sier­te Ge­den­ken zu über­set­zen und so nutz­bar zu ma­chen für die Kon­struk­ti­on einer mo­der­nen Dres­dner, aber auch deut­schen Iden­ti­tät.

„Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gungs­welt­meis­ter“

Diese Form der Re­la­ti­vie­rung ist nicht neu. Auf bun­des­po­li­ti­scher Ebene setz­te ein sol­cher Wan­del in der Er­in­ne­rungs­po­li­tik und im Um­gang mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit Deutsch­lands be­reits Ende der 90er Jahre ein. „Nicht trotz son­dern wegen Ausch­witz“ – so die Be­grün­dung Josch­ka Fi­schers – führ­ten deut­sche Sol­da­ten 1999 in Ju­go­sla­wi­en erst­ma­lig wie­der Krieg. Aus der vor­bild­li­chen Auf­ar­bei­tung der Ge­schich­te er­gä­be sich die Be­fä­hi­gung und die mo­ra­li­sche Ver­ant­wor­tung über­all dort auf der Welt auch mi­li­tä­risch ein­zu­grei­fen, wo Un­recht ge­schieht. Die Auf­ar­bei­tung der ei­ge­nen „dunk­len Ge­schich­te“ wird stolz vor sich her ge­tra­gen und als mo­ra­li­scher Plus­punkt in­ner­halb der eu­ro­päi­schen und in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft nutz­bar ge­macht. Seit Rot-Grün ist Deutsch­lands Um­gang mit sei­ner Ver­gan­gen­heit nicht mehr durch Ver­drän­gung, Leug­nung und Schluss­strich­den­ken ge­kenn­zeich­net, son­dern viel­mehr durch An­er­ken­nung und In­te­gra­ti­on, ge­ra­de­zu Ein­ver­lei­bung der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit in die bun­des­deut­sche Iden­ti­tät. Die ein­zig­ar­ti­ge „Auf­ar­bei­tung“ Deut­scher Schuld be­stärkt das Selbst­bild als mo­der­ne und ge­läu­ter­te Na­ti­on. Der Um­gang mit der deut­schen Ge­schich­te spielt für die Iden­ti­täts­kon­struk­ti­on eine grund­le­gen­de Rolle – der Dis­kurs um die „deut­schen Opfer des Krie­ges“ durch Bom­bar­die­rung oder Ver­trei­bung; das Pa­ra­dig­ma der frei­heits­lie­ben­den Deut­schen, wel­che die zwei­te Dik­ta­tur auf deut­schem Boden – so der gleich­ma­che­ri­sche Jar­gon der To­ta­li­ta­ris­mus­theo­rie – in einer „fried­li­chen Re­vo­lu­ti­on“ von sich ab­schüt­tel­ten.

Ge­zeich­net wird das Bild einer nor­ma­len, auf­ge­klär­ten Na­ti­on, einer Na­ti­on, die zu ihren Feh­lern steht und dar­aus ge­lernt hat. Deut­sche Tä­ter­schaft wird an­er­kannt, ver­schwin­det je­doch im abs­trak­ten Jahr­hun­dert der Krie­ge, im all­ge­mei­nen Leid, hin­ter einer Cli­que von Na­zi­ver­bre­chern. Die Dres­dner Er­zäh­lung von den Deut­schen als Opfer ist ein Bau­stein in dem Ver­such, eine un­ge­bro­che­ne deut­sche Iden­ti­tät zu ge­währ­leis­ten, denn das Ge­den­ken be­zieht sich po­si­tiv auf eine ver­meint­lich un­schul­di­ge Zi­vil­be­völ­ke­rung. Eine tat­säch­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem NS je­doch hieße zu er­ken­nen, dass es eine sol­che nicht ge­ge­ben haben kann. Ein po­si­ti­ver Bezug auf Deutsch­land ver­bö­te sich – ins­be­son­de­re an­ge­sichts der plan­mä­ßi­gen Ent­rech­tung, Ver­fol­gung und Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Jü­din­nen und Juden als Kon­se­quenz eines deut­schen An­ti­se­mi­tis­mus, in dem sich eine ganze Ge­sell­schaft zu­sam­men­fand. Es ist der von Mois­he Pos­to­ne ge­for­der­te „kon­stan­te d.h. in fort­wäh­ren­der Aus­ein­an­der­set­zung zu voll­zie­hen­de Bruch“, der als ein­zi­ge Kon­se­quenz aus der Ver­gan­gen­heit der Deut­schen zu zie­hen ist. Kein Fort­schrei­ben einer bruch­lo­sen deut­schen Iden­ti­tät, son­dern ein Bruch mit den Kon­ti­nui­tä­ten na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie. Ein Bruch mit Deutsch­land!

Seit Go­eb­bels nichts Neues

An­knüp­fend an das bür­ger­li­che Ge­den­ken eta­blier­ten die Nazis ihren Auf­marsch zum 13. Fe­bru­ar. Er ent­wi­ckel­te sich in den letz­ten Jah­ren zu einem der größ­ten Na­zi­auf­mär­sche nach 1945. Zwar gibt es auch in an­de­ren deut­schen Städ­ten Na­zi-Er­in­ne­rungs­ver­an­stal­tun­gen, die Grö­ßen­ord­nung Dres­dens wird dabei aber nicht ein­mal an­nä­hernd er­reicht. Zu be­ant­wor­ten ist also die Frage, warum ge­ra­de Dres­den so at­trak­tiv für die bun­des­wei­te Na­zis­sze­ne ist?

Der 13. Fe­bru­ar er­laubt den Nazis heute ein di­rek­tes An­knüp­fen an ihre his­to­ri­schen Vor­bil­der. Viele der Dres­dner My­then haben ihren Ur­sprung in der pro­pa­gan­dis­ti­schen Aus­schlach­tung der Bom­bar­die­rung durch das Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um, wel­ches den Grund­stein für eine Tä­ter_in­nen-Op­fer-Um­kehr legte. Dar­über hin­aus fand die Dar­stel­lung, die die Bom­bar­die­rung als al­li­ier­tes Kriegs­ver­bre­chen brand­mark­te, große Re­so­nanz in der Be­völ­ke­rung. Die My­then wur­den in die lo­ka­le „oral his­to­ry“ in­te­griert und in der Nach­kriegs­zeit, sowie in DDR und spä­ter BRD un­zäh­li­ge Male re­pro­du­ziert. Sie sind so im kul­tu­rel­len Ge­dächt­nis ver­fes­tigt, dass die My­then noch heute immer wie­der im Dis­kurs an­zu­tref­fen sind und in wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung zum com­mon sense ge­hö­ren. Für die Nazis er­gibt sich hier­aus eine Si­tua­ti­on, in der sich ihre Po­si­ti­on groß­flä­chig mit der he­ge­mo­nia­len öf­fent­li­chen Mei­nung über­schnei­det und ihnen ein un­kom­pli­zier­tes Mit­ma­chen er­mög­licht. Sie kön­nen sich in Bezug auf den 13. Fe­bru­ar ohne wei­te­res als Teil der ge­sell­schaft­li­chen Mitte sehen. Be­stärkt wird diese Sicht durch die in Dres­den ge­läu­fi­ge Po­si­ti­on, die Nazis wür­den – zwar aus fal­schen Grün­den – das Rich­ti­ge tun: trau­ern.

Im Un­ter­schied zum bür­ger­li­chen Ge­den­ken neh­men die Nazis in ihrer Form des Ge­den­kens je­doch ganz offen Bezug auf die NS-Ideo­lo­gie. Ar­gu­men­ta­ti­ver Be­zugs­punkt ist die deut­sche Volks­ge­mein­schaft. So spricht der säch­si­sche NPD-Ab­ge­ord­ne­te Jür­gen Gan­sel davon, dass der „deut­sche Volks­kör­per“ von einem „eli­mi­na­to­ri­schen An­ti­ger­ma­nis­mus“ be­droht ge­we­sen sei, die Deut­schen also auf­grund ihres Deutsch­s­eins bom­bar­diert wor­den wären. Es fin­det letzt­end­lich eine Um­deu­tung des Krie­ges statt, so dass eben nicht Deutsch­lands Ver­nich­tungs­krieg im Fokus steht, son­dern, dass die Al­li­ier­ten einen Krieg gegen Deutsch­land ent­facht hät­ten, um die „deut­sche Rasse“ zu ver­nich­ten. Daran an­schlie­ßend wird ein ver­meint­li­cher Ta­bu­bruch ein­ge­for­dert, der es end­lich er­mög­li­che, um „deut­sche Opfer“ zu trau­ern und sich von der „mo­ra­li­schen Ho­lo­caust­keu­le“ zu lösen. Damit wird ein un­ver­hoh­le­ner An­ti­se­mi­tis­mus deut­lich, der sich durch die ge­sam­te Ar­gu­men­ta­ti­on zieht. So ist auch in be­wuss­ter An­leh­nung an die Be­grif­fe aus dem Ge­den­ken an die Opfer der Shoa vom „al­li­ier­ten Bom­benho­lo­caust“ die Rede.

And now? Ac­tion!

Auch am 13. Fe­bru­ar 2010 wer­den in Dres­den wie­der meh­re­re tau­send An­ti­fa­schis­t_in­nen gegen den Na­zi-Groß­auf­marsch pro­tes­tie­ren. Wir rufen dazu auf, die­ses An­lie­gen nicht los­ge­löst von einer grund­le­gen­den Kri­tik des Ge­den­kens zu be­trach­ten und den Fokus links­ra­di­ka­ler Ak­ti­vi­tä­ten auch auf das städ­ti­sche Ge­den­ken zu rich­ten. Ein An­satz, der zu­guns­ten einer brei­ten Mo­bi­li­sie­rung al­lein den Na­zi­auf­marsch in den Mit­tel­punkt rückt, über­geht allzu leicht den ge­schichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Kern sämt­li­cher 13. Fe­bru­ar-Ge­den­ken­for­men. Die Fol­gen sind un­an­ge­nehm aber vor­her­seh­bar: Sub­su­mie­rung ins Dres­den-Ge­denk-Rin­gel­piez und Ein­ge­mein­dung in die Dres­dner Bür­ger­schaft, die das An­se­hen Dres­dens und das Ge­den­ken gegen einen „Miss­brauch“ ver­tei­di­gen will.

Fol­ge­rich­tig soll­te sich eine ra­di­ka­le Linke be­mü­hen, eine ge­denk­kri­ti­sche Po­si­ti­on sicht- und wahr­nehm­bar zu ma­chen und dar­auf ver­zich­ten, sich aus­schließ­lich an den Nazis ab­zu­ar­bei­ten. Das heißt zu­al­ler­erst, die Dif­fe­ren­zen zwi­schen dem bür­ger­li­chen Ge­den­ken und dem der Nazis rich­tig ein­zu­schät­zen: sie sind vor­han­den, aber nur vor­der­grün­di­ger Art und spä­tes­tens mit dem Haupt­an­lie­gen, der Trau­er um ver­meint­li­che deut­sche Opfer, er­schöpft. Genau hier gilt es an­zu­set­zen und Kri­tik zu üben. Un­ter­bleibt diese, etwa aus Sorge um die An­schluss­fä­hig­keit der ei­ge­nen Po­si­ti­on, wird wei­ter­hin die so­wohl im bür­ger­li­chen als auch im Na­zi-Spek­trum kur­sie­ren­de Er­zäh­lung von den Deut­schen als Opfer des Zwei­ten Welt­kriegs ge­stärkt und damit auch ein neuer deut­scher Na­tio­na­lis­mus le­gi­ti­miert. Eine Linke, die sol­che ge­schichts­po­li­ti­sche Kri­tik auf­gibt, würde sich selbst über­flüs­sig ma­chen.

Selbst­ver­ständ­lich folgt hier­aus nicht, die Nazis rechts lie­gen zu las­sen. Ein Auf­marsch, der ein offen na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sches Welt­bild pro­pa­giert, au­ßer­dem Shoa und Ver­nich­tungs­krieg re­la­ti­viert darf nicht un­wi­der­spro­chen statt­fin­den. Ihm kom­pro­miss­los ent­ge­gen­zu­tre­ten er­gibt sich schon al­lein aus des­sen Grö­ßen­ord­nung und dem damit ein­her­ge­hen­den ganz rea­len Ge­fah­ren­po­ten­ti­al.

Des­we­gen heißt es auch 2010: Keine Ver­söh­nung mit Deutsch­land. Gegen jeden Ge­schichts­re­vi­sio­nis­mus. Deut­sche Tä­ter_in­nen sind keine Opfer. Na­zi­auf­marsch ver­hin­dern.

Ver­an­stal­tun­gen:

12. Fe­bru­ar 2010, 18 Uhr, Jor­ge-Go­mon­dai-Platz: De­mons­tra­ti­on gegen deut­sche Op­fer­my­then – Live: Ego­tro­nic

13. Fe­bru­ar 2010: Ak­tio­nen gegen Ge­den­ken und Nazis

>>>http://venceremos.antifa.net/<<<

Dresden: Spontandemo am 1. Mai 2009

Neben der NPD-Demo am dresdner Hauptbahnhof fand auch eine kleine Spontandemo statt:

Spontan-Demonstration einer Dresdner Antifa Gruppe am 1. Mai

Text?

Nach Zerschlagung und Auflösung der eigentlichen Demonstration am Dr. Külz Ring stromerten kleine AktivistInnen Gruppen durch Dresdens Altstadt. Um diesem Unstand zu beenden, fanden sich zahlreiche Antifa’s am nachmittaglichen Hauptbahnhof ein. Nach Verhandlungsgerangel mit den hessischen BeamtInnen wurde eine Spontan-Demo eingeleitet. Diese setze sich gegen 16 Uhr, mit dem Ziel Albertplatz, in Bewegung. Hinter dem Front-Transparent verbreiteten rund 50 MitsreitInnen etliche Sprechchöre und machten auf sich aufmerksam. Polizeiliche Repressionen inbegriffen verbreiteten sie gute Stimmung und verdutzte Blicke unter den BürgerInnen. So fühlten sich vor allem junge Menschen angesprochen, sich an zuschließen.

So ließ sich die Dresdner Gruppe Ihren 1. Mai nicht nehmen und schauten auch im nett gestalteten ‚Larvik‘ vorbei. Nach einstündigem Spaziergang wurde die Demonstration unter Jubel und Klatschen am Albertplatz aufgelöst.
>>>http://de.indymedia.org/2009/05/248941.shtml

Dresden: 1. Mai – Nazis waren auch dabei…

In Dresden wurde heute der 1. Mai gefeiert. Es gab eine Gewerkschaftskundgebung auf dem Schlossplatz und ein Bürgerfrühstück in der Stadt.

Text?

Leider hatte auch die Dresdner NPD zum 1. Mai geladen und eine „antikapitalistische“ Demonstration durchgeführt. Um diesem Entgegenzuwirken gab es eine Kundgebung am „Dr.-Külz_Ring“ welche sehr schnell aufgelöst werden musste und natürlich einen Infostand von „No pasarán Dresden“.



Etwa 150 Nazis folgten in Dresden dem Aufruf der NPD und versammelten sich am Hauptbahnhof, um anschließend durch die Innenstadt und am Stadion vorbei zurück zu marschieren. Eine Protestkundgebung der Antifa am Dr.-Külz-Ring wurde relativ zeitig aufgelöst, um den faktischen Zustand der Einkesselung zu beenden. Kleingruppen waren in der ganzen Stadt unterwegs, schafften es aber nur selten zusammenzukommen und die Nazis mit Gegenparolen zu beehren, dennoch gelang dies an einigen Stellen und so konnte, was am 13./14. nicht gelang, endlich wieder einmal stattfinden: Lautstarker Protest in Sicht und Hörweite der Nazis. An einigen Stellen setzten sich auch jeweils einige mutige Menschen direkt auf die Route, um zu blockieren. Der Koloss der Nazidemo, so lächerlich klein sie auch war, wurde wie immer durch die Polizei verstärkt, die in großen Blöcken voranmarschierte, und die kleinen Sitzblockaden brutal auflöste. Da im Laufe des Tages außerhalb der Innenstadt der eine oder andere Brand entstand, wurde das Klima in der Stadt schnell rauer. Junge, alternativ aussehende Menschen wurden unter Androhung oder Anwendung von Gewalt weggeschickt – teils mit Pferden, Hunden und Faustschlägen; oder bekamen Platzverweise für weite Teile der Stadt. Auch eine Spontandemo am späten Nachmittag vom Hauptbahnhof war Festnahmeaktionen und Schikanen ausgesetzt.
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