Der Antisemitismus hat mit jedem anderen Rassismus gemeinsam, dass er Menschen auf Grund eines bestimmten, ihnen gemeinsamen zugeschriebenen Merkmals ausschließt. Weil der Antisemitismus dieses Merkmal in der jüdischen Herkunft zu sehen glaubt, hat man gemeint, es genüge, ihn als eine feindliche Einstellung gegenüber Juden zu definieren. Aber diese Definition ist unvollständig. Sie übersieht, dass Ausschluss immer zugleich auch Einschluss bedeutet.

Kein Ausschluss ohne Einschluss

Ausschluss ist ein relationaler Begriff. Man kann Menschen nur ausschließen, wenn man weiß, wovon sie ausgeschlossen werden sollen. Jeder Ausschluss muss Bezug nehmen auf eine Vorstellung, wer auf der anderen Seite zu den Eingeschlossenen zählen soll. Es gibt also keinen Ausschluss, dem nicht eine bestimmte Definition von Zugehörigkeit zu Grunde liegt. Ohne diese wäre der Ausschluss logisch unmöglich. Er würde seinen eigenen Bezugspunkt aufheben und könnte gar nicht mehr vollzogen werden.
Neben Ausschluss und Einschluss gibt es keine dritte Möglichkeit. Wer nicht ausgeschlossen wird, gehört mit logischer Notwendigkeit dazu. Und wer nicht dazugehört, ist ebenso folgerichtig ausgeschlossen. Dies gilt zumindest, solange man sich innerhalb derselben Situationsdefinition befindet. Wenn man zu einer neuen Situationsdefinition übergeht, dann ist für gewöhnlich neu zu bestimmen, wer eingeschlossen und wer ausgeschlossen wird. Dann können Menschen, die unter anderen Bedingungen ausgeschlossen sind, dazu gehören, so wie dann Menschen ausgeschlossen sein können, die vorher dazu gehörten. Weil es ausgeschlossen ist, weder ausgeschlossen noch eingeschlossen zu sein, gibt es gegenüber dieser Unterscheidung keine dritte Möglichkeit. Die Unterscheidung wird daher auch nicht von einem Standort aus vorgenommen, der unparteiisch über den Eingeschlossenen und Ausgeschlossenen schweben würde. Das Subjekt dieser Unterscheidung ist vielmehr immer und ausschließlich das Kollektiv der Eingeschlossenen. Die Ausgeschlossenen dagegen haben keinen Einfluss auf die Definition der Unterscheidung. Es ist zwar möglich, dass Menschen von sich aus entscheiden, nicht dazu gehören zu wollen. Aber sie nehmen dabei immer Bezug auf einen Begriff von Zugehörigkeit, dessen Bedeutung von den Eingeschlossenen festgelegt wird.
Das Kollektiv der Eingeschlossenen ist also sowohl der logische Bezugspunkt als auch das Aktionszentrum des Ausschließens. Es scheint daher nur folgerichtig zu sein, dass dieses Kollektiv bereits vor dem Prozess der Ausschließens existiert haben muss. Und in der Tat legitimiert sich der Ausschluss bestimmter Menschen in der Regel damit, dass das Kollektiv älter sei und dem Ausschluss zeitlich vorangehe.
Auf den ersten Blick mag diese Unterstellung einleuchten; bei näherem Hinsehen entdeckt man gleichwohl erhebliche Widersprüche. Würde nämlich das Kollektiv dem Ausschluss zeitlich vorangehen, so müsste es einen Einschluss ohne Ausschluss geben. Denn die Existenz eines Kollektivs beruht nun mal auf dem Vorgang des Einschließens. Ein solcher Einschluss ohne Ausschluss ist nun aber logisch ebenso wenig möglich wie ein Ausschluss ohne Einschluss: So wie jeder Ausschluss Bezug nehmen muss auf einen Begriff von Einschluss, so gibt es keine Definition von Einschluss, die nicht zugleich auch festlegt, dass bestimmte Menschen von ihr nicht umfasst, also ausgeschlossen werden. Anders wäre es überhaupt nicht möglich, den Begriff eines Kollektivs zu entwickeln.
Jedes Kollektiv steht daher in einem doppelten Verhältnis zur Unterscheidung zwischen Einschluss und Ausschluss. Einerseits geht das Kollektiv aus dieser Unterscheidung hervor. Andererseits wird diese Unterscheidung von niemandem anderen als dem Kollektiv selbst hervorgebracht. Es ergibt sich daher als Paradoxon, dass das Kollektiv gleichzeitig Produkt und Produzent des Ausschließens zu sein scheint.
Der Eindruck, als würde das Kollektiv sich selbst aus dem Nichts erschaffen, löst sich jedoch auf, wenn man sich bewusst macht, dass es immer allegorisch zu verstehen ist, wenn einem Kollektiv Subjektivität zugesprochen wird. Natürlich handelt niemals unmittelbar ein Kollektiv, sondern es handeln immer nur Individuen. Wenn davon die Rede ist, dass ein Kollektiv handelt, so wird von den individuellen Akteuren zum Ausdruck gebracht, dass sie dem Kollektiv eine bestimmte Bedeutung für ihr Handeln zuschreiben.
Indem die Individuen den Anspruch erheben, im Namen eines Kollektivs zu handeln, entsteht der Eindruck, als ginge dieses Kollektiv dem Handeln zeitlich voraus, als existiere daher zunächst der Einschluss, auf den dann später der Ausschluss folgen würde. Tatsächlich aber wird die soziale Wirklichkeit des Kollektivs erst dadurch erzeugt, dass seine Angehörigen herausgehoben werden aus der unübersehbaren Zahl derer, die ihm nicht angehören. Erst deren Ausschluss stellt die Möglichkeit her, überhaupt angeben zu können, wer eigentlich eingeschlossen sein soll.
Weil es neben Einschluss und Ausschluss keine dritte Position geben kann, ist mit jeder Definition von Ausschluss auch festgelegt, wer zu den Eingeschlossenen gehören soll, so wie andererseits jede Definition von Einschluss auch bereits Aussage enthält, wer ausgeschlossen wird. Eben dies ist der Grund, warum in der Regel Ausschluss und Einschluss nicht gleichzeitig thematisiert werden. Es genügt, wenn entweder über Einschluss oder über Ausschluss geredet wird. Die jeweils entgegen gesetzte Position ist immer mit gemeint, ohne eigens erwähnt werden zu müssen. Man kann durch die Thematisierung von Zugehörigen und Zugehörigkeiten andere ausschließen, so wie durch die Beschäftigung mit Ausschlüssen und Ausgeschlossenen Zugehörigkeiten herstellen lassen.
In der Routine des alltäglichen Zusammenlebens begegnet überwiegend die erste der beiden Varianten: Der Ausschluss wird durch Einschluss definiert. Bestimmte Menschen entwickeln im Hinblick auf bestimmte Gemeinsamkeiten ein Gruppenbewusstsein. Dass dadurch andere ausgeschlossen werden, erscheint als normal und wird kaum je als Ärgernis wahrgenommen. Denn den Ausgeschlossenen wird gleichzeitig die Relevanz für die Zusammengehörigen entzogen. Sie sind im Hinblick auf deren Gruppenbewusstsein bedeutungslos und verschwimmen im Horizont der jeweiligen Situationsdefinition. Im alltäglichen Leben ist diese Gesetzmäßigkeit so selbstverständlich, dass sie niemanden aufregt. Erst wenn sachfremde Erwägungen Platz greifen, wenn z.B. ein Mensch nur deswegen keinen Zugang zu einem Verein oder einem Beruf bekommt, weil er eine Frau ist, dann kann es geschehen, dass die Ausgeschlossenen revoltieren und eine Auseinandersetzung mit den Regeln des Einschlusses erzwingen.

http://jena.antifa.net/cms/images/stories/aktionen/gegen_antisemitismus.png

Einschluss durch Ausschluss

Ganz anders dagegen sind die Verhältnisse dort gelagert, wo der Ausschluss dazu herhalten soll, um Einschluss zu definieren. Die ansonsten übliche Irrelevanz der Ausgeschlossenen schlägt dann in deren dramatische Bedeutsamkeit um. Sie werden ausdrücklich zum Thema gemacht, um in ihrem Spiegel eine deutliche Vorstellung von Zugehörigkeit zu gewinnen.
Diese Bedeutung wird jedoch nicht allen Ausgeschlossenen in gleicher Weise zugeschrieben. Vielmehr wird aus der unübersehbaren Vielzahl der Menschen und Gruppen, die jeweils nicht dazu gehören, eine Gruppe oder Kategorie herausgegriffen und in exemplarischer Absicht denen gegenübergestellt, die als zugehörig angesehen werden sollen. Indem diese sich mit den Ausgeschlossenen und ihrem Ausschluss beschäftigen, vergewissern sie sich gleichzeitig ihrer eigenen Zusammengehörigkeit und Zugehörigkeit.
Dabei ist es letztlich bedeutungslos, welche empirischen Merkmale sich bei dieser exemplarisch ausgeschlossenen Gruppe beobachten lassen. Ausschlaggebend ist allein das Bild, das sich die Eingeschlossenen von den Ausgeschlossenen machen. Dieses Bild bezieht seine Konturen aus den Vorstellungen, die für das Kollektiv der Eingeschlossenen zur Durchsetzung gebracht werden sollen. Der fiktive Charakter dieses Bildes dokumentiert sich bereits in der Entscheidung, wer zur Gruppe der Ausgeschlossenen gerechnet wird. Dabei spielt es keine Rolle, wie diese Gruppe sich selbst versteht, wen sie als zugehörig gelten lässt und wer sich selbst zu ihr zählt. Es kommt noch nicht einmal darauf an, ob überhaupt eine solche Gruppe als gesellschaftliche Realität existiert. Das kollektive Subjekt des Ausschlusses behält sich vor, nach eigenen Maßstäben festzulegen, wie es diese Gruppe definiert und wen es ihr zurechnet.
Auf eine derartige Definition des Einschlusses durch Ausschluss wird insbesondere dann zurückgegriffen, wenn es der Zusammengehörigkeit an Anschaulichkeit mangelt. Je weniger interne Gründe für den Zusammenhalt und den spezifischen Charakter einer Gruppe angegeben werden können, desto größer muss die Versuchung werden, Zusammengehörigkeit auf dem Umweg über den kontrastiven Ausschluss von als fremd definierten Menschen zuwege zu bringen. Erst im Lichte eines dramatisch in Szene gesetzten Ausschlusses entwickelt sich dann eine deutliche Vorstellung, dass man zusammengehört, warum man zusammengehört und wer dazu gehört.
Es sind insbesondere moderne Nationen, die sich dieses Mittels bedienen, um ihren Mangel an inhaltlicher Bestimmung von Zusammengehörigkeit auszugleichen. In der Regel gelingt es nicht, den Kreis ihrer Angehörigen widerspruchsfrei zu beschreiben. Immer wieder muss eingeräumt werden, dass ihnen Menschen angehören, obwohl sie die gängigen Merkmale der Zugehörigkeit nicht besitzen, und dass andere ihnen nicht angehören, obwohl die für die Zugehörigkeit erforderlichen Merkmale vorhanden sind. Erheblich eindeutiger sind demgegenüber oft die Merkmale, die zum Ausschluss aus einer Nation führen. Die gemeinsame Vergewisserung dieses Ausschlusses bestimmter Gruppen ist daher ein probates Mittel, um eine nationale Zusammengehörigkeit anschaulich werden zu lassen.
Bei der Gründung der deutschen Nation im 19. Jahrhundert waren diese, modernen Nationen ohnehin anhaftenden Mängel, besonders ausgeprägt. Hier fehlten alle Voraussetzungen, durch die es in anderen Nationen gelingt, der Zusammengehörigkeit zumindest ein gewisse Maß an Anschaulichkeit zu verschaffen. Weder ging die Nation aus einem revolutionären Gründungsakt hervor, in dem sich ihre Angehörigen als Handelnde hätten erfahren können. Noch existierten überlieferte und geachtete Institutionen, in denen sich die Mitglieder hätten exemplarisch wieder erkennen können. Und schließlich es gab keine demokratischen Verfahren, in denen die Menschen als Subjekt der politischen Verhältnisse hätten auftreten können.
Es ist daher alles andere als zufällig, dass sich der Antisemitismus zu derselben Zeit in Deutschland verbreitete, als die Idee der deutschen Nation zur politischen Integrationsideologie wurde. Man benutzte die Ausgrenzung der Juden, um ein anschauliches Bild vom deutschen Volk auszuarbeiten. Auf dem Umweg über den Ausschluss der Juden wurde dem Einschluss der deutschen Nation die notwendige Anschaulichkeit und Durchsetzbarkeit verschafft.

Nationalismus und Emanzipation

Lenkt man die Aufmerksamkeit auf den ausschließenden Pol, also auf das Subjekt des Antisemitismus, so erkennt man unschwer die Unzulänglichkeit der Auffassung, der Antisemitismus sei zu allen Zeiten und an allen Orten immer derselbe gewesen. Vor allem für die deutschen Verhältnisse muss man dann konzedieren, dass es das Subjekt des modernen Antisemitismus vor dem 19. Jahrhundert nicht gegeben hat. Man kannte weder den Begriff des deutschen Volkes, noch definierten die Menschen ihre Identität als Angehörige eines solchen. Wenn Menschen sich überhaupt das Attribut deutsch zuschrieben, dann ergab sich dies aus der Sprache, aus der Lage des Wohnorts, vor allem aber aus bestimmten Gruppenzugehörigkeiten, die jedoch nie die Reichweite der Nation erreichten, sondern nur einen Ausschnitt der Gesellschaft (den deutschen Adel, den deutschen Klerus, die deutschen Dichter) meinten. Zusammengehörigkeitsbegriffe, die die Unterscheidung nach Schichten und die Beschränkung auf überschaubare soziale Horizonte sprengen und daher zumindest virtuell alle umfassen, die miteinander eine Gesellschaft bilden, erlangen erst beim Übergang zur Moderne eine herausragende Bedeutung. Sofern es bereits vorher weit ausholende Kollektivbezeichnungen gab, dienten sie lediglich der zusammenfassenden Beschreibung von Menschen, drückten aber nicht deren subjektive Zusammengehörigkeit aus und brachten daher auch nicht ihre Identität zum Ausdruck. Erst als die Menschen nicht mehr festgelegt waren auf ihre Herkunft, ihre Familie, ihren Stand, als diese Definitionselemente zurücktraten und die Menschen nur noch Individuen sein sollten, da entstand die Notwendigkeit eines Begriffs, der alle diese Individuen umfassen konnte und zugleich den Raum definierte, innerhalb dessen sie als solche Zugang zu allen Bereichen der Gesellschaft haben sollten. Ausgehend von der französischen Revolution wurde diese Idee des Ganzen mit dem Begriff der Nation oder auch des Volkes belegt.
(Die Begriffe „Volk“ und „Nation“ werden hier bewusst synonym gebraucht. Die hierzulande geläufige Unterscheidung zwischen einem seit grauer Vorzeit existierenden, unpolitischen deutschen Volk und einer deutschen Nation, in der dieses Volk zum Bewusstsein seiner selbst und zu politischer Gestalt gelangt, ist selbst ein Teil des weiter unten noch zu skizzierenden deutschen Mythos und daher ungeeignet, um sich mit diesem wissenschaftlich auseinander zu setzen.)
Zumindest dort, wo man sich der revolutionären Neuerungen bewusst war, die mit dem Begriff der Nation einherging, stand es außer Frage, dass er auch den jüdischen Teil der Bevölkerung umfassen musste. Mit der Auflösung der ständischen Ordnung und der überschaubaren sozialen Gruppierungen entfiel der strukturelle Rahmen, der den Juden eine leidliche Existenz im christlichen Abendland gesichert hatte. Wenn jetzt alle der Nation angehören sollten, so konnte es für sie außerhalb der Nation keinen Ort mehr geben. Und wenn mit der Zugehörigkeit zur Nation das Recht jedes Individuums verbunden war, an allen gesellschaftlichen Bereichen zu partizipieren, so konnten Juden auch nicht mehr politische Rechte und Ämter, militärische Karrieren, wissenschaftliche Titel usw. verwehrt werden.
Auch in Deutschland gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Vorstellungen, die den nationalen Gedanken in einen engen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Umbrüchen rückten. Aber je mehr der deutsche nationale Gedanke zur Durchsetzung gelangte, desto stärker traten die in ihm von Anfang angelegten restaurativen Züge in den Vordergrund und desto weniger ließ er sich noch für das Programm der Emanzipation der Juden in Anspruch nehmen. Er trat vielmehr in eine enge Symbiose mit einem Antisemitismus, der sich durch diese Emanzipation herausgefordert sah. Dies spezifisch deutsche Verknüpfung zwischen der nationalen Idee und dem Antisemitismus ergab sich bei der Lösung von drei Problemen, die die Reichsgründung von 1871 aufgeworfen hatte.

Die antisemitische Definition des deutschen Volkes.

Das von Bismarck ins Leben gerufene deutsche Reich war zunächst nichts weiter als eine Kreatur preußischen Hegemonialstrebens. Es lag auf einer Linie mit einer Vielzahl vorangegangener Ausdehnungen des Einflusses und der Macht Preußens, seitdem im Jahr 1415 die Hohenzollern mit der Mark Brandenburg belehnt worden waren. In einem Punkt allerdings unterschied sich diese Machterweiterung von den vorangegangenen. Es genügte diesmal nicht mehr, dass die anderen Reichsstände und gekrönten Häupter nolens volens de Legitimität des preußischen Herrschaftsanspruches anerkannten. Der Übergang von feudalen zu modernen Verhältnissen verlangte vielmehr nach einer Idee, die das neue politische Gebilde für seine Angehörigen als zustimmungsfähig erscheinen lassen konnte. Um dieses Defizit zu überwinden, wurde der neue Staat als reife Frucht einer seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr anschwellenden deutschen Nationalbewegung ausgegeben.
Da diese Nationalbewegung ihrerseits an einer Jahrtausende alten deutschen Geschichte gebastelt hatte, konnte das neue politische Gebilde zusammen mit der Nationalbewegung auch gleich diese Geschichte vereinnahmen. Nunmehr ließ sich der Anschein erwecken, als sei immer schon alles mit historischer Notwendigkeit auf die Gründung von 1871 hinausgelaufen.
Diese Idee der deutschen Nation enthielt zwei widersprüchliche Komponenten. Einerseits klangen auch in ihr die emanzipatorischen Motive an, die in Frankreich die nationale Erweckung begleitet hatten. Andererseits gab es die romantische Komponente, die dem Bestreben entsprungen war, die deutsche Idee in gezieltem Gegensatz zur Idee der französischen Nation zu modellieren. Je mehr die politischen Verhältnisse in Deutschland von der nationalen Idee Gebrauch machten, desto deutlicher rückte diese Komponente in den Vordergrund. Sie hatte den Vorzug, dass die Existenz der Nation nicht auf das Handeln ihrer Angehörigen gründete. Ihre Fiktion einer im Transzendenten immer schon bestehenden deutschen Nation, die aus eigenem Drang durch allmähliches Wachsen in die Welt der Erscheinungen eintreten würde, passte hervorragend zu dem bloßen Machtgebilde des Bismarckreiches. Die Idee der Nation bemächtigte sich dadurch der Untertanen, ohne dass diese sich zunächst der politischen Verhältnisse hätten bemächtigen müssen.
Wahrscheinlich legte man sich zunächst keine Rechenschaft darüber ab, dass damit die Juden aus der deutschen Nation hinaus definiert worden waren. An der Gründung im Jahr 1870 waren sie beteiligt, soweit überhaupt von einer Mitwirkung außerhalb von Militär und Dynastien die Rede sein konnte. (Bei der Krönungsfeier in Versailles im Dezember 1870 überreichte ein getaufter Jude (Eduard Simson) dem preußischen König die Kaiserkrone) Noch mehr hatten sie ihren Anteil an der Entfaltung der liberalen Nationalidee während der vorangehenden Jahrzehnte. Aber sie waren noch nicht dabei gewesen, als die ersten Deutschen in den Wäldern Germaniens auf Bärenjagd gingen. Erst recht musste die romantische Glorifizierung des Mittelalters ihrem Zugehörigkeitsrecht zuwiderlaufen; mittelalterlicher Antijudaismus und seine Pogrome wurden zu einem Bestandteil der positiv bewerteten Tradition, die man dem neuen Begriff des deutschen Volkes zuschrieb.
Dieser Ausschluss der Juden mochte zunächst als Nebenprodukt erscheinen, das sich ohne Absicht ergab, nachdem man einen deutschen Volksgeist als treibende Kraft der Staatsgründung namhaft gemacht hatte. Allerdings hatte man sich damit ein Folgeproblem eingehandelt, für dessen Lösung man dann mehr oder weniger gezielt Juden in Anspruch genommen wurden.
Die Verklärung mittelalterlicher Burgen und bäuerlicher Bodenständigkeit gab nichts her, um den Übergang zur modernen Gesellschaft einen positiven Sinn abgewinnen zu können. Dieser Mangel musste insbesondere ins Gewicht fallen, als nur wenige Jahre nach der Reichsgründung eine wirtschaftliche Krise die frühindustrielle Gesellschaft bis in ihre Grundmauern erschütterte. Wollte man gleichwohl am romantischen Bild eines organisch sich entwickelnden deutschen Volkes festhalten, so musste man nach Wegen suchen, den damit unvereinbaren Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit abspalten und verdrängen zu können.
Dieses Problem auf Kosten der Juden zu lösen, lag umso näher, als die Erfindung einer langen Vorgeschichte des deutschen Volkes ohnehin schon einen scharfen Trennstrich zwischen ihnen und den Deutschen gezogen hatte. Als man dazu überging, den Juden all das zuzuschreiben, was an Modernisierung in jenen Jahren die Gesellschaft verunsicherte, bekam diese zunächst nur rückschauende Auslegung eine aktuelle Brisanz. Indem man die negativen Erscheinungsformen des kapitalistischen Systems mit den Juden identifizierte und diese in einen Gegensatz zum deutschen Volk rückte, konnte man eine eigene deutsche Identität entwerfen, die mit all den Hässlichkeiten der Moderne nichts zuschaffen hatte, ohne das aber ausdrücklich zu Worte bringen zu müssen und dabei des Widerspruchs überführt werden zu können. Durch den Ausschluss der Juden wurde auf der Innenseite ein deutsches Volk konstruiert, das als Fluchtpunkt vor all den Unerfreulichkeiten der Gründerjahre ein Gefühl der Geborgenheit vermittelte.

Die Durchsetzung des deutschen Volksbegriffs auf Kosten der Juden

Damit hatte man nicht nur den romantischen Volksbegriff mit den Phänomenen der gesellschaftlichen Modernisierung versöhnt, sondern gleichzeitig die Möglichkeit hergestellt, ein drittes gesellschaftliches Problem zu lösen. Es war ja zunächst alles andere als selbstverständlich, dass das literarisch beschriebene Volk sich selbst auch als solches begreifen würde. Die Idee vom Kollektiv musste erst noch zur Idee des Kollektivs werden, damit sich ein solches überhaupt in der sozialen Wirklichkeit herausbilden konnte. Zu diesem Zweck mussten alle, die diese Idee meinte, lernen, sich selbst mit der Idee zu meinen. Es wurden also soziale Mechanismen gebraucht, die es zu Wege bringen konnten, dass die Menschen sich mit den ihnen zugeschriebenen Ideen identifizierten und in ihnen Ausdruck des eigenen Wesens zu erkennen vermochten.
Wie schon einmal in den Jahren der antinapoleonischen Erhebung übernahm zunächst die militärische Konfrontation mit Frankreich diese Funktion. „Die Völker in ihrer Gesamtheit werden nur durch den Donner der Schlachten geweckt“, hatte 1870 der liberale Historiker Hermann Baumgarten beobachtet. Die Franzosenfeindschaft führte dazu, dass breitere Schichten der Gesellschaft sich ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Volk bewusst wurden. Aber mit dem Abflauen des Kriegsgetümmels drohte das kriegerisch aufgeputschte deutsche Volksgefühl wieder in den Hintergrund zu treten. Da kam es gelegen, dass die seit 1873 grassierende Weltwirtschaftskrise ein hohes Maß an sozialer Verunsicherung hervorrief. Das machte es möglich, die Bedrohungsgefühle aus den Kriegsjahren durch solche zu ersetzen, die von Modernisierungskrisen und ökonomischen Zusammenbrüchen hervorgerufen wurden. An die Stelle des besiegten französischen Erbfeindes rückten nunmehr die Juden, die als Verursacher und Profiteure des wirtschaftlichen Liberalismus namhaft gemacht wurden.
Vordergründig dienten die Juden also zunächst als Projektionsfläche zur Deutung der als bedrohlich empfundenen gesellschaftlichen Veränderungen. Damit aber war auf einer zweiten Ebene ein neues Selbstverständnis derer verbunden, die sich durch den Ausschluss der Juden als Eingeschlossene verstehen durften. Indem man die Juden einerseits für die Wirtschaftskrise verantwortlich machte und sie andererseits in einen Gegensatz zur deutschen Volksgemeinschaft rückte, konnte man die verbreiteten Bedrohungsgefühle zunächst in einen allgemeinen gesellschaftlichen Antisemitismus und diesen dann in ein völkisches Zusammengehörigkeitsbewusstsein der Deutschen übersetzen. Der anfänglich eher wirtschaftlich motivierte Antisemitismus wurde damit zum Mitgliedsausweis in einem Kollektiv, dessen Vorstellung der verunsicherten Masse Geborgenheitsgefühle und dem neuen Staat eine Integrationsideologie verschaffte.
Als Subjekt der Bedrohungsgefühle bzw. als Objekt der unterstellten Bedrohung wurde in einer bislang unbekannten Deutlichkeit das deutsche Volk definiert. Das Neue am Antisemitismus des Kaiserreichs waren nicht die tätlichen Übergriffe gegen Juden. Die waren 1819 und 1848 vergleichsweise heftiger gewesen. Neu war die Interpretation dieser Attacken, wie sie unter anderem der Historiker Heinrich Treitschke lieferte, wenn er im November 1879 die Ausschreitungen bezeichnete als eine zwar „brutale und gehässige, aber natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen har.“
Eine Verbindung zwischen der eigenen Identität der Deutschen und ihrer aggressiven Abwehr anderer war schon 1844 von Arnold Ruge beobachtet worden, als er sarkastisch anmerkte: „Der Hass der Franzosen…ist das `Volksgefühl` der Deutschen“ Während aber Ruge im Hass das Primäre sieht und diesen als Volksgefühl interpretiert, kehrt Treitschke den Zusammenhang um: Der Hass auf die Juden soll als „natürliche Reaktion aus dem germanischen Volksgefühl“ erwachsen. Das Volk wird damit als Subjekt des Antisemitismus in Anspruch genommen. Dieser sei gleichsam instinktive Reaktion der Menschen, wenn sie beginnen, sich als deutsches Volk zu fühlen. Es sei, so schreibt er; als arbeite „in den Tiefen unseres Volkslebens eine wunderbare, mächtige Erregung. Es ist als ob die Nation sich auf sich selbst besänne.“ In dieser Kausalen Interpretation wird der Hass relativiert als Epiphänomen eines in der Tiefe wirkenden Volkslebens. Der Antisemitismus wird hier unmittelbar mit dem deutschen Nationalbewusstsein gleichgesetzt. Er ist für Treitschke nicht etwa dessen Missgeburt oder unerwünschtes Nebenprodukt. Er ist die authentische Epiphanie des lange ersehnten, nun endlich sich zeigenden deutschen Volkes selbst. Indem die Deutschen die Juden ausschließen, definieren sie nicht nur das deutsche Volk als die Gesamtheit derer, die gleichzeitig eingeschlossen werden, sondern sie definieren dadurch ihre eigene Identität als Angehörige dieses Volkes und machen sich kollektiv zum Subjekt des Ausschlusses der Juden.
Zwar wusste auch Treitschke, dass der Antisemitismus in der Bevölkerung in erster Linie aus “Pöbelrohheit und Geschäftsneid“ erwuchs. Entscheidend ist nicht die Motivation der Akteure, sondern die Interpretation ihrer Einstellungen und Handlungen durch Treitschke und zahlreiche andere, weniger prominente Schreiber. Sie benutzen den Antisemitismus als Vehikel, um dem Mangel an deutschem Nationalbewusstsein Abhilfe zu verschaffen. Indem er die nationalen Weihen erhält, wird einerseits ein bestimmtes Verständnis der deutschen Nation ausgearbeitet und andererseits dieses in das Selbstverständnis der Deutschen eingearbeitet. Die anfangs nur literarische Idee des deutschen Volkes, an deren Entwurf neben vielen anderen Intellektuellen auch Treitschke beteiligt war, wird auf diese Weise zur gesellschaftlichen Wirklichkeit gemacht. Der Antisemitismus wurde „zum entscheidenden Vehikel der Nationalisierung der Massen.“


Antisemitismus als Revolutionsersatz

Es gehört zu den Misslichkeiten der deutschen Geschichte, dass sich niemals die Gelegenheit geboten hatte, einer positiven Beschreibung der deutschen Nation unmittelbar nur Anerkennung zu verhelfen. Gemeinhin wird dieser Mangel mit dem Ausbleiben einer Revolution in Verbindung gebracht, die einem Entwurf des Eigenen die erforderliche Anschaulichkeit und Durchsetzungsfähigkeit verschafft hätte. Ersatzweise besorgte man sich diese auf dem Umweg über den Gegenentwurf der ‚jüdischen Nation` und über die Emotionen, die mit der Abwehr dieses Gegenbildes einhergingen.
Dadurch wurde es möglich, einen Nachteil in einen Vorteil umzuwandeln. Die romantische Idee der deutschen Nation war ausgesprochen unpolitisch und vergangenheitsorientiert. Als solche taugte sie nicht viel, um den Bürgern des neuen Staates eine selbstbewusste Identität zu vermitteln. Aus dieser Schwäche ließ sich allerdings Kapital schlagen, wenn es gelang, sie als Wehrlosigkeit angesichts drohender Gefahren zu interpretieren. Dann war sie nicht mehr das Ergebnis eigener Mängel, sondern des rücksichtslosen Durchsetzungswillens einer fremden Macht. Je schwächer ausgebildet das eigene Selbstbewusstsein war, desto anfälliger war man daher für das Phantom einer ‚jüdischen Weltverschwörung`. Um eine solche Bedrohung abzuwenden, konnte dann doch noch jene Energie freigesetzt werden, die sich unmittelbar aus der Idee des Eigentums nicht gewinnen ließ.
Es war daher bezeichnend für die antisemitische Agitation, dass sie den Juden generell Überlegenheit über die Deutschen zuschrieb. Sie sollten die Täter, die Deutschen dagegen die Opfer sein. „Die Juden sind unser Unglück“, sei die Klage aller gebildeten Männer in Deutschland, behauptete Treitschke und formulierte damit das Motto des deutschen Antisemitismus. In manischer Verweigerung jeder Differenzierung ist pauschal die Rede von den Juden und von „uns“, womit dem Zusammenhang nach nur das deutsche Volk gemeint sein kann. Ohne es noch irgendwie zu begründen, werden die Juden in ihrer Substanz mit unserem Unglück gleichgesetzt: Sie stellen allein durch ihre Existenz unser Unglück dar.
Diese Larmoyanz ist typisch für die gesamte Literatur des deutschen Antisemitismus: Man suhlt sich geradezu in Minderwertigkeitsgefühlen und schwelgt in Untergangsvisionen. Bezeichnend sind die Titel zweier der einflussreichsten antisemitischen Schriften jener Jahre: Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum und Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum.
Ein solches Szenarium entsprach offensichtlich der Befindlichkeit vor allem der kleinbürgerlichen Massen. Die Industrialisierung hatte die sozialen Bindungen der vormodernen Gesellschaft zersetzt. Und die autoritäre Struktur der wilhelminischen Gesellschaft bot wenige Anhaltspunkte, um ein neues Selbstbewusstsein entstehen zu lassen. Die antisemitische Interpretation der gesellschaftlichen Krise musste daher als Einladung begrüßt werden, die persönliche Befindlichkeit als Ausdruck einer kollektiven Lage zu deuten, die durch den Antagonismus zwischen dem deutschen Volk und den Juden verursacht sein sollte. Es war diese hybride Kultivierung von Bedrohungsgefühlen, die dafür sorgte, dass die anfänglich eher intellektuelle und elitäre Idee eines deutschen Volkes in den unteren Schichten heimisch wurde und die breite Bevölkerung dazu überging, sich ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft zu vergewissern.
Die moralische Konsequenz einer solchen Auslegung der Wirklichkeit lag auf der Hand. Wenn Deutsche jetzt und zukünftig Juden angriffen, dann war dies zum einen für sie keine persönliche Aversion, sondern Ausdruck ihres Volksgefühls; nicht das Individuum, sondern das Volk handelte. Zum anderen war dieses Handeln angesichts der rücksichtslosen Überlegenheit der Juden nichts anderes als legitime Notwehr; es diente lediglich der Wiederherstellung der Gerechtigkeit.

aus: Ak Kritik des deutschen Antisemitismus(Hrsg.): Antisemitismus- die deutsche Normalität, Freiburg 2001

>>>http://ak.antifa.net/index.php?site=texte&sid=4&t=Der_Antisemitismus_als_Bauger%FCst_der_deutschen_Nation<<<



__________________________________________________________________________________________________________________________________
null© [autonome]antifaschistische Aktion Rochlitz Geringswalde Burgstädt - [Antifa RGB] null
null // http://antifa-rgb.tk // Kontaktformular // PGP-Schlüssel // null

Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: